Der Nebensaal im Ratskeller: voll. Die Stimmung: vielleicht nicht euphorisch, aber nah dran. Die Menschen: voller Tatendrang. Entsprechend die Reaktion von Martin Ansbacher: „Ich kann mich nicht dran erinnern, dass wir schon mal zu so vielen zusammengekommen sind.“ Zeit für den Kreisvorsitzenden der Ulmer SPD, sich einfach mal darüber zu freuen, dass seine Partei so gut dasteht wie lange nicht: „Wir genießen das.“

Der Schwung, der die SPD im ganzen Land ergriffen hat, ist auch in Ulm angekommen. Seit klar ist, dass Martin Schulz für das Kanzleramt kandidiert, sind 13 Mitglieder neu in den Kreisverband eingetreten: Darunter viele junge Menschen zwischen 19 und 25 Jahren, denen der zunehmende Rechtspopulismus Angst macht und die sich deshalb politisch engagieren wohlen. Manche haben ihr Beitrittsformular noch direkt am Dienstagabend unterschrieben, als die Delegierten für den Listenparteitag am 11. März gewählt wurden.

Unter ihnen war auch einer, der die Partei einst wegen der Agenda 2010 verlassen hatte: Der Wiedereintritt von Eberhard „Lori“ Lorenz, ehemaliger Stadtrat und Landtagsabgeordneter, löste Jubelrufe und erheblichen Applaus aus. Zwei Elemente haben den 74-Jährigen zu seiner Rückkehr bewegt: „Wir werden zunehmend von Diktaturen umstellt. Es besteht die Gefahr, dass Europa zerlegt und die Weltordnung zerschlagen wird.“ Zuhause rumsitzen, das gehe einfach nicht mehr. Das zweite: „Eindeutig der Genosse Schulz.“ Unbescheiden sagt er später am Abend, er hoffe, mit seiner Entscheidung eine gewisse Signalwirkung auszustrahlen. Immerhin habe er 30 Jahre Ulmer SPD-Politik mitbestimmt. „Vielleicht wollen jetzt auch andere wieder mitmischen.“ Martin Ansbacher hofft: „Lori ist ein Beispiel dafür, dass wir Genossen zurückholen wollen.“

Dass Fehler gemacht worden sind, das geben viele zu an diesem Abend. Martin Schulz zeige jetzt, dass man die aber korrigieren könne, sagte Ansbacher. „Das löst bei mir eine unglaubliche Befreiung aus.“ Ähnlich Hilde Mattheis, die wieder für den Bundestag kandidiert: „Das Wort Korrektur war lange Zeit ein Unwort, das durfte man nicht in den Mund nehmen.“

„Ängste sind wie weggeblasen“

Bei „diesen ganzen Agenda-Jungs“ sei in der Bevölkerung der Eindruck entstanden, dass sie das Thema soziale Gerechtigkeit vielleicht gar nicht so sehr vertreten. Martin Schulz habe etwas ausgelöst, was auch sie selbst nicht erklären könne. „Die Ängste und das Rückwärtsgewandte waren auf einmal wie weggeblasen.“ Und ein Wahlergebnis von 35 Prozent plus x sei plötzlich nicht mehr utopisch.

Soziale Gerechtigkeit, betonte Mattheis, sei das Fundament der SPD-Politik. „Langsam kriegt das Programm Kontur.“ Die Bundestagsabgeordnete und stellvertretende Landesvorsitzende setzt sich unter anderem für eine Bürgerversicherung und eine lebensstandardfeste Rente ein. „Wenn ich in Berlin alte Leute Flaschen sammeln sehe – das ist nicht die Gesellschaft, die ich haben will.“ Ihren Genossen rief sie zu: „Lasst uns Wahlkampf für die SPD machen, nicht gegen irgendwas.“

Quelle: SWP – Christine Liebhardt

Kommentar zur Ulmer SPD: Die Hoffnung stirbt zuletzt
Vielleicht muss man die Welt doch noch nicht verlorengeben. Denn da passiert gerade etwas unter jungen Menschen: Sie werden plötzlich politisch. Das merkt, wer sich dieser Tage zum Beispiel mit eben erst eingetretenen Ulmer SPD-Mitgliedern unterhält. Die sind auch, aber eben nicht nur wegen Martin Schulz neu dabei. Nachdem viele Parteien in den letzten zehn, fünfzehn Jahren Mitglieder eher verloren als hinzugewonnen haben, treiben die Angst um die Demokratie und der Gestaltungswille gleichermaßen zurück zu den einst Etablierten.

Egal, ob alte Recken wie Eberhard Lorenz wiederkehren oder 19-Jährige sich erstmals engagieren: Sie tun es, weil sie den rechtspopulistischen Parteien etwas entgegensetzen wollen, in Deutschland, Europa und der Welt. Weil sie für die Werte der Demokratie einstehen wollen und nicht länger ertragen können, dass der Graben zwischen Superarm und Superreich unüberbrückbar wird. So weit, so mittig. Zur SPD im Speziellen zieht es sie, weil sie dazu beitragen wollen, dass die Partei zu ihren Wurzeln zurückkehrt.

In all dem kann man Naivität sehen. Oder Hoffnung finden. Denen, die sich gleich in welcher demokratischen Partei engagieren, ist zu wünschen, dass sie sich von den Zynikern nicht den Mut nehmen lassen. Vor allem nicht von denen, die selbst nur unken, aber nichts tun.

Von Christine Liebhardt